Sehr geehrte/r Frau Muster/Herr Muster,
wie die ganze Nachbarschaft inzwischen hinlänglich erfahren hat, sind Sie ein Freund der Musik. Doch gerade weil dem so ist: Warum vergewaltigen Sie die Musik sozusagen täglich?
Täglich müssen wir uns Ihre Übungen anhören, wobei Sie sicherlich zustimmen werden, daß selbst die Nocturnos von Chopin viel von ihrer Lieblichkeit einbüssen, wenn sie
penetrant falsch und
auch noch in steter Wiederholung
gespielt werden. Ich nehme an, Sie sind zu dem Glauben gelangt, es durch stundenlanges Üben zu einer gewissen Professionalität oder gar Meisterschaft bringen zu können. Doch auch ohne ein Musikkritiker sein zu müssen, darf ich Ihnen versichern, daß Sie mit dieser Selbsteinschätzung mutmaßlich recht allein dastehen.
Wenn Sie schon die Musik nicht dadurch achten wollen, daß Sie sich in Zukunft auf ein passives Zuhören beschränken, so achten Sie jedoch bitte ab sofort darauf, nur noch bei geschlossenem Fenster zu üben in einem schalldicht isolierten Raum. Ich habe nämlich Ihre diversen Übungen mitgeschnitten und zögere nicht, diese dem Gericht vorzuspielen, was sicherlich dazu führen würde, den Strafrahmen zu verschärfen, denn die meisten Richter sind ausgesprochene Musikliebhaber.